Michael Bormann: "Die Chancen im Holzbau sind enorm – ökologisch, technisch und wirtschaftlich."

Der Holzbau gilt als einer der zentralen Hebel für klimafreundliches Bauen. Doch welche Voraussetzungen braucht es, damit sein Potenzial tatsächlich ausgeschöpft wird? Und wo liegen heute noch die größten Hürden? Michael Bormann, Geschäftsführer bei Ingenieurbüro Pyttlik & Bormann, gibt Einblicke in seinen Werdegang, die Besonderheiten des Holzbaus und die Herausforderungen der Bauwende. Im Interview spricht er über notwendige Veränderungen in der Ausbildung, systemische Hemmnisse und die Chancen nachwachsender Rohstoffe – und zeigt anhand konkreter Projekte, wie zukunftsfähiges Bauen heute gelingen kann.

Vorfertigung der Holzraummodule einer Kita in Oberemmel

Herr Bormann, Sie sind Holzingenieur. Was lieben Sie an Ihrem Beruf? Wieso haben Sie sich dafür entschieden und was unterscheidet die Ausbildung von einem „herkömmlichen“ Ingenieur / Tragwerksplaner?

Ich bin ursprünglich gelernter Zimmerer und habe anschließend Bauingenieurwesen studiert und den Master im Konstruktiven Ingenieurbau gemacht. Durch meinen frühen Weg in den Holzbau war für mich immer klar, wohin es nach dem Studium gehen soll – und rückblickend war das auch genau die richtige Entscheidung.

Was ich an meinem Beruf als Holzingenieur besonders liebe, ist die enge Verbindung zwischen Theorie und Praxis. Wir sind nicht nur Planer, die am Schreibtisch rechnen – wir sind genauso Konstrukteure und Praktiker. Unsere Aufgabe ist es, theoretische Modelle so zu entwickeln, dass sie auf der Baustelle funktionieren, ohne dass der Holzbauer uns verflucht und ohne dass dem Bauherrn die Kosten davonlaufen.

Ich sage immer: Das Ziel eines Tragwerksplaners sollte sein, wirtschaftliche und praxisnahe Lösungen zu entwickeln, mit denen wir die Bedürfnisse aller Beteiligten bestmöglich erfüllen. Genau dieser Anspruch macht unseren Beruf so vielfältig und anspruchsvoll.

Der Unterschied zur Ausbildung eines „klassischen“ Tragwerksplaners im Massiv- oder Stahlbau liegt in dieser starken Praxisnähe und der spezifischen Logik des Holzbaus. Ich habe meine Leidenschaft im Holzbau gefunden, und darin liegt für mich die perfekte Mischung aus technischem Anspruch, Detailtiefe und handwerklichem Verständnis.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach in der Ausbildung von jungen Ingenieuren ändern, wenn man die Bauwende erreichen will und die Herausforderungen des Klimawandels (Wetterextreme; CO2 Einsparung etc.) mitbetrachtet?

Meiner Meinung nach müsste sich in der Ausbildung junger Ingenieurinnen und Ingenieure einiges verändern, wenn wir die Bauwende wirklich erreichen wollen – insbesondere im Hinblick auf Klimawandel, CO₂ Reduktion und zunehmende Wetterextreme.

Nachhaltigkeit darf kein Wahlpflichtfach mehr sein, sondern muss ein verpflichtender Bestandteil der Ausbildung werden. Jeder Baustoff hat seine Berechtigung und seine Stärken – und genau dort sollten wir ihn auch einsetzen. Wir können und müssen nicht alles aus Holz bauen. Holz ist ideal für den Hochbau, während Beton beispielsweise seine Stärken im Erdreich oder bei Fundamenten ausspielt. Dieses materialgerechte Denken wäre bereits ein enormer Fortschritt.

Zudem müssen Gebäude zukunftssicher geplant werden:
Wie reagiert ein Bauwerk auf Dürren, Hitzeperioden oder Starkregen? Welche Materialien funktionieren langfristig unter den veränderten klimatischen Randbedingungen? Diese Fragen müssen fester Bestandteil der Lehre werden.

Ein weiterer wichtiger Baustein ist die Wiederverwendung von Bauteilen. Natürlich funktioniert das nicht überall und nicht immer wirtschaftlich. Aber das Potenzial ist groß. Im Holzbau sieht man oft, wie flexibel Bauteile sein können – etwa bei alten Eichendeckenbalken, an denen man noch Zapfenlöcher früherer Nutzungen erkennt. Dieses Wissen und diese Denkweise müssen weiter in den Vordergrund rücken.

Was heute fehlt, ist das systemische Denken. Architekten und Fachplaner müssen bereits in der Ausbildung zusammenarbeiten und gemeinsame Projekte bearbeiten – nicht erst später draußen in der „freien Wildbahn“. Die Herausforderungen der Bauwende lassen sich nur im Zusammenspiel der Disziplinen lösen.

Und ein letzter Punkt, der mir besonders wichtig ist: Ein Statiker sollte nicht nur rechnen, sondern auch hinterfragen – und den Mut zu alternativen Lösungen mitbringen. Verantwortung übernehmen, Optionen abwägen und Neues denken: Das muss jungen Ingenieurinnen und Ingenieuren viel stärker vermittelt werden.

Wenn wir diese Haltung früh verankern, können wir die Bauwende tatsächlich gestalten – praxisnah, nachhaltig und zukunftssicher.

Bau des Garagenpark in Trierweiler: Die Anlage mit über 100 Einheiten wird durch Sattel- und Pultdachfachwerkträger in zimmermannsmäßiger Bauweise sowie eingespannten BSH-Verbundstützen getragen

Was stellt aus Ihrer Sicht derzeit das größte Hemmnis im Hinblick auf eine Bauwende auf der Basis von nachwachsenden Rohstoffen dar? Worin sehen Sie die größten Chancen für den Holzbau?

Aus meiner Sicht ist nicht das Material das größte Hemmnis der Bauwende auf Basis nachwachsender Rohstoffe, sondern das System dahinter.

Holz kann mehrgeschossig, Holz kann Brandschutz – der Feuerwiderstand ist berechenbar –, Holz ist langlebig und vor allem: Holzbau kann industriell vorgefertigt werden. Die technischen Möglichkeiten sind längst da.

 

 

Die eigentlichen Barrieren liegen an anderer Stelle:

  1. Fehlende Ausbildung und Kompetenzen
    Schaut man deutschlandweit an den Hochschulen, wird erschreckend wenig Holzbau gelehrt. Das führt dazu, dass vielen Fachplanern echte Holzbaukompetenz fehlt. Wir selbst beschäftigen uns seit über zehn Jahren überwiegend mit Holzbau – und nur deshalb beherrschen wir den modernen Holzbau wirklich. Man muss sich täglich damit auseinandersetzen, sonst bleibt das Verständnis oberflächlich.
     
  2. Fehlendes Verständnis in Kommunen und Verwaltungen
    In vielen Kommunen ist das Bewusstsein für die Leistungsfähigkeit des Holzbaus noch nicht angekommen. Hier bestehen oft Vorurteile, die längst widerlegt sind.
     
  3. Kulturelle Hemmnisse
    Holz brennt, Holz fault, Holz ist „öko“ und nicht für mehrgeschossige Gebäude geeignet – solche Aussagen hört man immer wieder. Dabei gibt es längst Holzhochhäuser weltweit, die das Gegenteil beweisen.

Und worin liegen die größten Chancen des Holzbaus?

  1. CO₂-Speicher statt CO₂-Verursacher
    Holz ist der einzige tragende Baustoff, der aktiv CO₂ speichert. Ein Gebäude aus Holz ist gleichzeitig ein CO₂ Depot – kein anderer Baustoff kann das.
     
  2. Kreislauffähigkeit und Rückbau
    Holz kann rückgebaut, wiederverwendet und stofflich verwertet werden. Gebäude lassen sich als Materiallager betrachten – in dieser Form einzigartig.
     
  3. Hohe Vorfertigung & schnelle Bauzeiten
    Industrielle Vorfertigung erlaubt Qualität, Präzision und sehr schnelle Baufortschritte – ein enormer Vorteil, auch wirtschaftlich.
     
  4. Perfekte Kombination mit Low Tech Konzepten
    Holz passt hervorragend zu energiearmen, robusten Gebäudekonzepten, die wenig Technik benötigen.
     
  5. Regionale Wertschöpfung
    Holzbau stärkt lokale und regionale Wirtschaftskreisläufe, von der Forstwirtschaft über das Handwerk bis zur Planung.

Zusammengefasst: Das größte Hindernis sind nicht die Eigenschaften des Holzes, sondern fehlende Strukturen, Ausbildung und Mut, das Potenzial konsequent zu nutzen. Die Chancen hingegen sind enorm – ökologisch, technisch und wirtschaftlich.

Das nachhaltige Carport des Energie- und Technikparks Trier ist aus Schwachholz

Gibt es aktuelle Projekte, die Sie aus Ihrer Sicht zukunftsfähig gebaut wurden? Wie kommt hier beispielsweise Laubholz und Holz niedriger Qualität zum Einsatz?

Ja, es gibt aktuelle Projekte, die aus meiner Sicht wirklich zukunftsfähig gebaut wurden – und einige davon durften wir selbst begleiten. Das bekannteste Beispiel ist sicher die Produktionshalle der CLTECH, an der wir beteiligt waren. Dort wurde Eichenholz aus dem Forst Trier als Druckstäbe für einen 35 m langen Fachwerkträger eingesetzt. Besonders spannend: Dieses Laubholz war ursprünglich als Brennholz vorgesehen – und wurde stattdessen zu einem hochleistungsfähigen Bauteil im Ingenieurholzbau. Ein perfektes Beispiel dafür, wie wertvoll und leistungsfähig Laubholz und Materialien geringerer Sortierqualitäten sein können, wenn man konstruktiv richtig damit umgeht.

Auch kleinere Projekte zeigen das Potenzial. In Trier wurden beispielsweise für die SWT Solarcarports aus Laubholz umgesetzt. Dieses Projekt stammt nicht aus unserem Büro, aber es ist eine starke und vorbildliche Leistung der Kolleginnen und Kollegen – und zeigt, wie vielseitig Laubholz eingesetzt werden kann.

Solche Projekte beweisen, dass Laubholz – selbst aus niedrigerer Qualität – nicht nur ein ökologisch sinnvoller Rohstoff ist, sondern auch konstruktiv und gestalterisch enorme Chancen bietet.

Weiterführende Infos

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