© Nick Naturbaustoffe

Joachim Schlauß: "Hanfkalk vereint Dämmung, Feuchteregulierung, Schall- und Brandschutz"
Das „Klimabündnis Bauen in Rheinland-Pfalz – nachwachsende und kreislaufeffektive Rohstoffe stärken“ widmet sich seit 2022 dem Wissenstransfer für am Bauwesen beteiligte Fachleute, und auch Planerinnen und Planer sowie der Öffentlichkeit. Heute möchten wir ein Interview mit dem Inhaber der Firma „Nick Naturbaustoffe“ in Weißenthurm führen, der seit 1983 das Familienunternehmen im Rheinland führt. Das Unternehmen besteht seit 1920 und produziert regional ökologische, zementfreie Baustoffe.
Diese klimapositiven Naturbaustoffe lassen sich hervorragend in der Bestandssanierung – aber auch im Neubau einsetzen. Hanfschäben werden mit Kalk zu einem Hanfkalkstein in einem besonderen Verfahren verarbeitet. Innovative Kombinationen mit beispielsweise vorgefertigten Holztafelelementen könnten auch in serieller Fertigung eine wegweisende Richtung haben, damit der Anteil an energieintensiven, erdölbasierten Produkten sinkt, ohne den Komfort und den Wärmeschutz zu vernachlässigen.
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Herr Schlauß, wo sehen Sie die Anwendung von Hanfkalkprodukten im Bauwesen, wo und wie kann man Sie einsetzen und warum sind sie bauphysikalisch so attraktiv?
Stand heute kann ein Haus zu 70 % aus Hanf und Hanfkalkprodukten bestehen. Neben den Baustoffen aus Hanffasern können die Hanfkalkprodukte bestehend aus Hanfschäben, Naturkalk und Wasser nahezu überall eingesetzt werden als Wandbaustoff, Wärmedämmung und Oberfläche.
Die bauphysikalischen Eigenschaften von Hanfkalk sind hervorragend.
Wichtig ist, dass wir diffusionsoffene und kapillaraktive Wandaufbauten realisieren. In Innenräumen ist die Luft in der Regel wärmer und enthält mehr Wasserdampf als die Außenluft. Dieser Wasserdampf soll durch Bauteile hindurchdiffundieren können.
Bauteile aus Hanfkalk regulieren diese Luftfeuchtigkeit. Steigt die Luftfeuchtigkeit im Raum, nimmt die Hanfkalkwand die überschüssige Feuchtigkeit auf – wird die Luft wieder trockener, gibt die Wand die Feuchtigkeit wieder ab. Unsere Hanfkalkprodukte hat einen Diffusionswert von μ = 2, sie sind also sehr diffusionsoffen und feuchteregulierend – zum Vergleich dazu liegt der Diffusionswert von Beton bei μ = 70-150.
Durch seine besondere Materialstruktur vereint der Hanfkalkstein Wärmedämmung – also auch einen optimalen sommerlicher Wärmeschutz –, Feuchteregulierung, Schallschutz und Brandschutz.
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Worin sehen Sie die Vorteile von Hanfkalk im Bauwesen und welche Baustoffe könnten langfristig ergänzt oder ersetzt werden?
Gerade in der Bestandssanierung sehe ich bedeutende Vorteile. Das Anbringen einer Innendämmung bei Bestandsgebäuden verändert die hygrothermischen Verhältnisse im Bauteil.
Die Außenwand wird kälter und die Taupunktzone verschiebt sich nach innen. Es kann zu Tauwasserausfall kommen, der langfristig zu Schäden führen kann.
Daher muss eine Innendämmung hohlraumfrei und kapillaraktiv erfolgen. Hanfkalk-Steine sind hervorragend auf die Anforderungen einer Innendämmung abgestimmt. Durch den niedrigen μ-Wert von 2 verbleiben die Steine jederzeit diffusionsoffen. Gleichzeitig sorgt die kapillaraktive Struktur des Hanfkalk-Verbunds dafür, dass anfallende Feuchtigkeit verteilt und über die Verdunstung wieder abgegeben werden kann – diese hygroskopische Eigenschaft ist ein entscheidender Vorteil gegenüber konventionellen Dämmstoffen, die deutliche Schwächen bei Feuchtigkeit haben, was die Dämmleistung negativ beeinflusst. Zudem bleibt das Produkt durch den Kalk im Baustoff auf natürliche Weise schädlingsfrei.
Neben den bauphysikalischen Vorteilen überzeugen Hanfkalkprodukte mit einer Volldeklaration ausschließlich aus Hanf, Kalk und Wasser. Die Produkte bestehen rein aus Naturprodukten, sind absolut schadstofffrei und stellen niemals Sondermüll dar. Man kann einen Hanfkalkbaustoff zu 100 % wiederverwerten. Sollte ein Gebäude wirklich mal nach 150-200 Jahren zurückgebaut werden, so kann ich das Produkt zerkleinern und die gecoateten Hanfschäben erneut der Produktion zuführen bzw. wieder auf den Acker fahren, wo es entstanden ist – der Kalk gilt gleichsam als landwirtschaftliche Düngung.
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Wie wird Hanfkalk verarbeitet?
Hanfkalkprodukte können gemauert, gestampft (in-situ) oder gesprüht werden.
Das Vermauern unserer Hanfkalksteine erfolgt grundsätzlich wie bei konventionellen Mauersteinen. Unsere Hanfsteine werden mit klassischer Mörtelfuge vermauert mit einem Mörtel auf Basis von Naturkalk.
Im Neubau werden Hanfsteine in einer Holzkonstruktion oder in einem Betonskelett vermauert.
Im Fachwerk werden die Hanfsteine mit Dreikantleisten in den Gefachen befestigt. Im Falle einer Innendämmung einer Bestandswand mit Hanfsteinen (das ist der Klassiker…) werden die Hanfkalksteine mit einem Abstand von etwa 3 cm zur alten Fachwerkwand gemauert und der Spalt mit einer Hanfkalk-Schüttung hinterfüllt homogen und hohlraumfrei verfüllt.
Könnte man ihn auch mit einer vorgefertigten Holzständerbauweise kombinieren, um die Vorteile der Vorfertigung (schnellere Montage) noch besser ausspielen zu können?
Ja, diese Elemente werden bereits hergestellt und angeboten. Hier könnte man in Rheinland-Pfalz auch Kooperationen mit der Holzbauindustrie anstreben.
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Wo sehen Sie noch Weiterentwicklungsbedarf?
Um ökologischen Baustoffen aus nachwachsenden Rohstoffen „eine Chance“ zu geben, die sie mehr als verdienen, sollten Nachhaltigkeitskriterien im Baurecht auch bewertet und angewendet werden. Eine Volldeklaration von Baustoffen sollte darüber hinaus verpflichtend werden. Viele Materialien in konventionellen Bau- und Dämmstoffen sind nicht transparent. Es werden Materialien verbaut, die gesundheitlich bedenklich sind.
Unsere Produkte bestehen aus wenigen, aber bekannten Substanzen und sind vollkommen transparent. Auch das Thema Rücknahmeverpflichtung ist eine Chance.
Ich kann für NICK Naturbaustoffe ohne Weiteres garantieren, dass wir unsere Produkte zurücknehmen. Die Ware wird zerkleinert und dem Produktionsprozess erneut zugeführt. In unserem Verarbeitungsprozess entsteht somit grundsätzlich kein Abfall.
Weiterentwicklungsbedarf besteht schließlich in Schulung, Ausbildung sowie Qualifizierung von Bauämtern und Genehmigungsbehörden.
Weiterführende Infos
Mehr Informationen zu CANABLOC® und den Hanfkalkprodukten finden Sie auf der Unternehmenswebsite von NICK Naturbaustoffe.
